Einleitung

Lohnt die Umstellung auf Ökolandbau?

Landwirtschaft hat das Bild unserer Kulturlandschaft über Jahrhunderte geprägt. Sie bedeutet zugleich in vielen modernen Erscheinungsformen eine starke Beeinträchtigung vieler natürlicher Ressourcen, die dabei nicht selten irreversibel negativ verändert werden. Dies gilt sowohl für unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen Boden, Wasser, Luft als auch für die frei lebenden Tiere und Pflanzen und ihre Lebensräume. Ihr drastischer Rückgang - vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts - ist heute gut dokumentiert und wird mittlerweile auch von Skeptikern nicht mehr bezweifelt.Die Beeinträchtigungen und Belastungen des Naturhaushaltes verpflichten zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit Konfliktbereichen bestehender landwirtschaftlicher Nutzungsansprüche und der Forderung nach einem am Nachhaltigkeits-Gedanken orientierten Umgang mit den auch im Bundesnaturschutzgesetz explizit genannten Schutzgütern. Dies kommt auch in der Novellierung des BNatSchG 2002 in § 1 (Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege) zum Ausdruck:

Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und, soweit erforderlich, wiederherzustellen, dass

  1. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts,
  2. die Regenerationsfähigkeit und nachhaltige Nutzungsfähigkeit der Naturgüter,
  3. die Tier- und Pflanzenwelt einschließlich ihrer Lebensstätten und Lebensräume sowie
  4. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert sind.

Im Rahmen des Forschungsvorhabens Hof Ritzerau soll nun erarbeitet werden, welche Beiträge hierzu ein moderner, ökologisch wirtschaftender Betrieb, unter Wahrung der Wirtschaftlichkeit, leisten kann. Hof Ritzerau ist ein reiner Pflanzenbaubetrieb im Südosten Schleswig-Holsteins mit einer Betriebsfläche von 250 ha und Böden mittlerer Ertragsfähigkeit. Die momentan dort für die Dauer einer "status quo"-Aufnahme noch praktizierten konventionellen Anbaumethoden sollen in Gänze in ressourcenschonende Bewirtschaftungsweisen umgewandelt werden. Dabei liegt dem Hofbesitzer besonders am Herzen, die Belange des Arten- und Biotopschutzes sowohl im Betrieb als auch im angrenzenden Umlandmöglichst weitgehend zu berücksichtigen.

Mitarbeiter mehrerer Institute der Universitäten Kiel und Göttingen sowie universitäts-externe Fachleute sind an dem Forschungsvorhaben beteiligt, das im März 2001 mit 6 Dissertationsarbeiten begann und mittlerweile, ergänzt durch Eigenleistungen der Institute und studentische Arbeiten, auf 22 MitarbeiterInnen gewachsen ist.

Der das Vorhaben finanzierende Besitzer des Hofes Günther Fielmann hat zudem in Ritzerau Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, die sich von einer Arbeitsunterkunft für Studierende längst zu einer Begegnungsstätte für Interessierte am Themenfeld Ökolandbau entwickelt hat.

Von vergleichbaren Studien im deutschsprachigen Raum unterscheidet sich das Vorhaben insbesondere:

  1. mit Blick auf die langfristig zu erwartenden Effekte der Umstellung. Dem kommt, über das wissenschaftliche Interesse am Prozessgeschehen hinausgehend, schon deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil sich nicht alle positiven Effekte sofort und in vollem Umfang einstellen. Anders ausgedrückt: die Nachwirkungen intensiver Landbauverfahren können, je nach ihrer Art, noch über viele Jahre bis Jahrzehnte hinweg spürbar bleiben.
  2. durch das Berücksichtigen gesamtlandschaftlicher Zusammenhänge. Dies gilt zum einen für die frei lebenden Tiere und Pflanzen, die neu geschaffene Strukturen in der Feldflur, wie Hecken und Feldgehölze, um so rascher und wirkungsvoller besiedeln können, je näher diese Strukturen in einem räumlichen Verbund mit entsprechenden "Quellbiotopen" des Umlandes stehen. Zum anderen verlangen dauerhafte Änderungen im Stoffhaushalt von Betrieben zumeist Steuerungen im gesamten Einzugsgebiet.
  3. durch die Betonung des Arten- und Biotopschutzes, einer Thematik, die auch in den Richtlinien ökologisch wirtschaftender Anbauverbände bisher meist noch eine sehr untergeordnete Rolle spielt.
  4. durch das Einbeziehen der angrenzenden Wälder in die Gesamtkonzeption. Die zum Stadtforst Lübeck gehörenden Flächen bieten hierfür, mit ihrer ebenfalls stark am Ressourcenschutz orientierten Nutzung, denkbar gute Voraussetzungen.

Um diese komplexen Ziele des Vorhabens erreichen zu können, bemühen sich die beteiligten Wissenschaftler um das Erfassen möglichst vieler relevanter Messgrößen sowohl auf den Betriebsflächen als auch im angrenzenden Umland. Teilweise kann dabei auch auf Datenbanken des Landes zurückgegriffen werden, die mit am Ökologie-Zentrum der CAU entwickelten EDV-Programmen bearbeitet, einer Umsetzungsvorbereitung dienen.

Diese Basisdaten ermöglichen eine "ökologische Risikoanalyse", die für jedes einzelne Schutzgut (wie Boden, Grundwasser, Fauna und Flora) die Auswirkungen bestimmter Wirtschaftsweisen aufzeigen kann. Hieraus lassen sich schließlich Empfehlungen ableiten, wie sich bestimmte Nutzungen - je nach den gerade geltenden gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und dem Stand der Technik - möglichst schonend in die betrieblichen und landschaftlichen Zusammenhänge einbetten lassen.

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. H. Roweck, Email: hroweck@ecology.uni-kiel.de

Institut für Natur- und Ressourcenschutz

Ökologie-Zentrum

Olshausenstraße 75

24118 Kiel

Tel.: 0431-880-4013



Zuständig für die Pflege dieser Seite: webmaster (at) ecology.uni-kiel.de